Geburt 2020

Die Schwangerschaft

Wir hatten ein Haus gekauft, welches wir renovierten als ich feststellte, dass ich schwanger bin. Meine Gefühlswelt schwankte zwischen Panik und Freude, vor allem da ich nun noch einmal eine Geburt würde durchstehen müssen. Insbesondere da mich nicht wie bei meinem Sohn 2017 meine liebe, befreundete Hebamme würde zur Geburt begleiten können.

Nach meinen bisherherigen Erfahrungen wollte ich nicht alleine in eine Klinik. Also versuchte ich eine Beleghebamme zu finden, die nächsten arbeiteten in Erftstadt. Nicht der nächste Weg, aber die Klinik wäre für mich eine gute Wahl, da ich die Oberärztin schon von der Geburt meines Sohnes kannte. Ich habe die Praxis kurz nach meinem positiven Test kontaktiert. die Hebammen waren zögerlich, da Bergheim wirklich ein Stück entfernt war. Sie versuchten mich an eine Hausgeburtshebamme abzugeben, die war aber für meinen Geburtszeitraum längst ausgebucht (da war ich gerade 7. SSW). Wir einigten uns auf ein Kennenlerntreffen und dass ich mir eine Hebamme vor Ort für die Nachsorge suchen würde. Für die Vorsorge wäre ich auch nach Erftstadt gefahren und für die Geburt sowieso. Am Morgen des verabredeten Treffens schrieb mir die Hebamme, sie hätte Zahnschmerzen und müsse erstmal zum Arzt und unseren Termin verschieben. Sie würde sich melden. Ich hab ihr dann Gute Besserung gewünscht. Ein paar Tage später hab ich dann nachgefragt, wann das Ersatztreffen möglich wäre. Keine Reaktion. Ich hab dann nochmal nachgefragt und wieder keine Antwort erhalten. Das hat mich total fertig gemacht, da es meine einzige verbliebene Möglichkeit einer begleiteten Geburt war und sie sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, mir persönlich zu erklären was das Problem ist. Ich war also gerade erst in der 12. Schwangerschaftswoche und wusste schon: Ich habe die Wahl zwischen Alleingeburt zu Hause oder Klinikgeburt, alleine (mit meinem Mann) in einer mir fremden Klinik, mit mir fremden Hebammen und ÄrztInnen.

Hinzu kam, dass ich mit meiner neuen Frauenärztin nicht klar kam. Ich wünschte mir eine freie Schwangerschaft mit Hebammenbegleitung, brauchte aber die ärztliche Betreuung, da ich Rhesus-negativ bin. Doch die Ärztin erklärte mir, dass sie mir eine hebammenzentrierte Schwangerschaftsbetreuung nicht erlauben könne, da sie schließlich für meine Schwangerschaft und mein Baby verantwortlich sei und mich deshalb mindestens einmal pro Monat sehen müsse. Ich war total vor den Kopf gestoßen, da ihr meine Wünsche total egal waren. Hinzu kam, dass sie mir gleichzeitig meinen Mutterpass weg nahm, in dem schon die Schwangerschaft meines anderen Sohnes dokumentiert war. Ohne die Aufkleber der Blutuntersuchung bräuchte ich den schließlich nicht, erklärte sie mir. Ich verließ also mit einem total schlechten Gefühl und ohne MEINEN Mutterpass die Praxis.

Zum Glück hatte ich schon eine liebe Hebamme an meinem Wohnort gefunden, die mich in meinen Wünschen und Rechten bestärkte. Sie erklärte mir zum Beispiel, dass der Mutterpass MEIN persönliches Dokument ist und nur ICH bestimme, wer dieses bekommt und eben nicht die Ärztin. Daraufhin bin ich am nächsten Tag in die Praxis und habe erklärt, dass ich meinen Mutterpass abholen möchte. Am Labor wurde dann verwundert festgestellt, dass da doch aber noch die Aufkleber fehlen würden. Ich erklärte, dass es mein Mutterpass ist und ich ihn gerne mitnehmen möchte und gerne für die Aufkleber nochmal wieder komme. Eine Woche später war ich dann nochmal zum Aufkleber abholen in der Praxis und habe dann auch meinen nächsten Termin abgesagt und bin gegangen, ohne Wiederkehr.

Ich habe dann einen anderen ganz lieben Arzt gefunden, der meine Schwangerschaft begleitet hat und bei dem meine Wünsche im Vordergrund standen.

Die Schwangerschaft selber verlief komplikationslos. Allerdings wurde ich im Februar 2020 sehr krank, ich hatte mehrere Tage hohes Fieber, extreme Kopfschmerzen, die nur mit Schmerztabletten halbwegs auszuhalten waren und trockenen, bellenden Husten, der mich um jeden Schlaf brachte. Ich vegetierte mehrere Tage in meinem Bett im abgedunkelten Schlafzimmer. Direkt daran anschließend hatte ich eine starke Nasennebenhöhlenentzündung, die ich erst zu Hause mit verschreibungsfreien Medikamenten behandelte. Doch auch nach einer Woche zeigte sich keine Besserung und ich wusste, mir sollte ein Arzt besser ein Antibiotikum verschreiben. Doch mein damaliger Hausarzt untersuchte mich kaum und warnte mich nur, dass mein vieles Schnäuzen noch eine Nasennebenhöhlenentzündung hervorrufen würde. Stattdessen sollte ich mir eine Nasendusche aus der Apotheke holen. Zwei Tage habe ich vergeblich auf Besserung gehofft, es wurde nur immer schlimmer. Mein nächster Weg führte mich zum HNO. Dieser schaute mich kurz an, schaute dann mit seinen Gerätschaften in meine Nase und sagte: "Sie Arme, da haben sie aber eine fette Nasennebenhöhlenentzündung!" Und endlich bekam ich ein schwangerschaftsverträgliches Antibiotikum. Trotzdem hat es wiederum mehrere Tage gedauert, bis ich erste Verbesserungen spürte. Nachdem ich die letzte Tablette genommen hatte, war ich immer noch nicht wieder ganz gesund, aber den Rest schaffte mein Körper dann allein.

Doch dann kam für uns alle der Oberhammer: 
Die Corona-Pandemie!

Damit einhergehend durften plötzlich die Väter nicht mehr mit zu den Geburten in die Kliniken!

Mir wurde heiß und kalt, Panik machte sich breit und mir war klar, wenn mein Partner nicht mit rein darf, dann geh ich lieber mit meinem Mann auf den Fußweg vor die Klinik um mein Kind zu bekommen, als alleine in einen Kreißsaal!

Geburtsvorbereitungskurs oder jegliche andere Aktivitäten um andere Schwangere zu treffen waren damit auch nicht mehr möglich. Dazu kam meine persönliche Sorge mich mit Corona anzustecken, da ich gerade erst genesen war von meiner letzten Krankheit und die Folgen für das Kind bei einer Corona-Infektion während der Schwangerschaft absolut unbekannt waren. Entsprechend habe ich mich und meine Kinder abgeschirmt und auch mein Mann ist nach 1,5 Wochen dauerhaft ins Home-Office gewechselt und nur noch zum Einkaufen raus gegangen. Das war eine seltsame Zeit.

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Die Geburt

Errechtneter Termin war der 1. Juli 2020 und mein Mann hoffte, dass es jeder andere Tag, nur nicht dieser werden würde, da es ihn mehrere zusätzliche Urlaubstage kosten würde, durch seine Elternzeit.
Nachdem am 30.6. meine Familie schon schlief, lies mich eine innere Unruhe wach bleiben. Ich fand erst weit nach Mitternacht, als es fast schon wieder hell wurde zu meiner Familie ins Bett und kuschelte mich an meine Tochter. Da spürte ich eine erste deutliche Welle. Wie immer im Rücken, doch der warme Körper meiner Tochter ließ den Schmerz vergessen. Ich wusste, heute wird unser drittes Kind geboren! Ich überlegte kurz ob ich wieder aufstehen sollte, entschied mich dann aber zu versuchen noch einmal zu schlafen und Kraft zu tanken.

Dies gelang mir auch und ich erwachte nachdem mein Mann die anderen zwei Kinder für Kita und Tagesmutter fertig gemacht hatte. Wellen spürte ich da keine mehr, aber meine Intuition sagte mir, dass es trotzdem heute soweit sein würde. Ich ging nochmal in Ruhe duschen und überlegte kurz, welche Kleidung ich gerne bei der Geburt tragen würde.

Beim Frühstück rief meine Schwiegermutter an, die während der Geburt die zwei älteren Kinder versorgen sollte. Sie würde gerne vorsorglich heute schon kommen, da ihr der Weg von über einer Stunde doch Sorgen mache, da es beim dritten Kind ja auch schnell gehen könne. Während sie mit meinem Mann darüber sprach, spürte ich erst kaum wahrnehmbare und bald deutliche Wellen. Ich bat meinen Mann kurz aufzulegen, da ich erstmal mit ihm die aktuelle Lage besprechen wollte, bevor ich meine Schwiegermutter einweihte. Mein Mann war ganz erstaunt und rief dann seine Mutter wieder an, dass sie besser jetzt sofort kommen solle. Danach sagte er im Büro Bescheid, dass er sich heute frei nimmt. Nach dem Frühstück bin ich auf dem Gymnastikball durchs Wohnzimmer gehopst und habe immer stärker werdende Wellen veratmet, während mein Mann Wii Fit auf dem Fernseher gespielt hat. Während mein Mann noch kurz einkaufen war, bin ich im Haus umher gelaufen, da ich sitzen als schmerzhaft empfand und die Bewegung mir gut tat und ich eh noch die Kliniktasche fertig packen musste. Die Wellen wurden zunehmend kräftiger und ich musste schon stehen bleiben, mich festhalten und veratmen. Dann traf meine Schwiegermutter ein, die doch erstaunt feststellte wie stark meine Wehen innerhalb so kurzer Zeit geworden sind. Ich mag meine Schwiegermutter sehr und sie frug mich ganz liebevoll ob sie mir etwas gutes tun könne, zum Beispiel durch eine Massage. Aber da merkte ich, dass ich vor allem unter den Wehen nicht angefasst werden möchte, weshalb ich ihr Angebot ablehnte.

Mein Mann und meine Schwiegermutter sind dann unseren damals noch Jüngsten von der Tagesmutter abholen gegangen (durch die verkürzten Corona-Betreuungszeiten, musste er schon mittags abgeholt werden). Ich rief zwischendurch im Kreißsaal in Düren an 1. um Bescheid zu geben, dass bei mir Wehen eingesetzt hatten und 2. um sicher zu gehen, dass auch wirklich Kapazitäten zur Betreuung meiner Geburt da sind. Danach rief ich bei meinem Gynäkologen an um meinen Termin für den nächsten Tag abzusagen. Die Frau am Telefon war durchaus verwundert, dass ich unter Wehen noch bei Ihr anrufe und hat mir dann noch alles Gute für die Geburt gewünscht. Das fand ich sehr schön.

Die Wellen wurden indes immer intensiver, die Pausen immer kürzer, meine Intuition sagte mir, dass dauert nicht mehr lange. Als mein Mann, meine Schwiegermutter und mein Sohn kurz nach 12 Uhr zu Hause ankamen, erklärte ich Ihnen, dass mein Sohn wohl der Oma den Weg zur Kita zeigen müsse, da ich gerne in die Klinik aufbrechen wollte. Gegen 12:36 Uhr sind wir endlich los gekommen. Ich hasse Autofahren unter Wehen, jede Kurve ist schmerzhaft, sitzen ist schmerzhaft, mir fehlte die Bewegung, die vorher so gut getan hatte.

Gegen 13 Uhr hielten wir auf dem Storchenparkplatz in Düren. Es regnete leicht, doch das störte mich nicht, immerhin war es angenehm warm. Der Weg ins Krankenhaus war kurz, trotzdem musste ich für mehrere Wehen anhalten. Und drinnen erwartete mich die Corona-Einlasskontrolle und zwei Menschen vor mir in der Schlange, darunter eine ältere Dame, die anscheinend (oder zumindest gefühlt) sehr viel Redebedarf hatte. Endlich war ich dran und die nette Dame am Empfang erkannte trotz meiner Maske schnell, dass ich starke Wehen hatte. Sie überließ den Empfang ihrem Kollegen und holte schnell einen Transportrollstuhl. Mein Mann bekam einen Zettel den er ausfüllen musste und die Ansage, dass er erst dazu darf, wenn der Kreißsaal sich meldet. Glücklicherweise ließ sie meinen Mann noch seine Handynummer auf einen Zettel schreiben, damit ich die Nummer nicht raus suchen müsste. Dann brachte sie mich persönlich zum Kreißsaal. Das war irgendwie schön, auch wenn sitzen weiterhin doof war. In der Geburtshilfe war anscheind gerade wenig los, zumindest standen alle versammelt im Stationszimmer und tranken Kaffee. Ich durfte dann umgehend einen Kreißsaal beziehen und es sollte erstmal CTG geschrieben werden. Die Hebamme und die Hebammenschülerin bereiteten alles vor, während ich endlich wieder auf meinen Füßen eifrig im Kreißsaal hin und her lief. Die Hebamme mit den CTG-Köpfen in der Hand blickte mich an, unsere Blicke trafen sich und ohne ein Wort von mir, sagte sie: "Sie können auch stehen bleiben für das CTG." Gesagt, getan. Nun in meinem Radius etwas eingeschränkt, lief ich wie angekettet soweit das CTG-Gerät mich ließ durch den Raum und blieb nur während der Wellen stehen. Dummerweise hatte ich vergessen Wasser einzupacken, aber die Hebammenschülerin kam von sich aus um mir welches anzubieten, was ich dankend annahm. Ich bekam auch gleich eine große Literflasche, nicht nur ein Glas, was ich sehr positiv fand. Danach hatte ich erstmal Ruhe, hörte nur das Kratzen des CTG-Gerätes, welches ich aber nicht weiter beachtete. Ich zog die Maske ab und (glücklicherweise) meine Schuhe aus. Ich veratmete (sehr) laut hörbar die Wellen, schrie teilweise fast schon (und hoffte insgeheim die Hebamme würde mal gucken kommen). Dann verabschiedete sich erst ein CTG-Kopf und nachdem ich den Klingelknopf gedrückt hatte, platzte auch mit einem Pitsch unter einer Welle meine Fruchtblase. Das war ein tolles, aber auch sehr nasses Erlebnis.

Die Hebamme half mir aus meinen nassen Sachen (war ich froh, meine Schuhe ausgezogen zu haben, Wechselschuhe hatte ich schließlich keine mit) und wollte dann mal nach dem Muttermund schauen. Ich meine 4 cm hat sie da gesagt und mein erster Impuls war "Erst?!". Aber ich sagte nichts.

Dann kam die diensthabende Ärztin samt Assistenz und wollte mir einen Zugang legen, Standard und so. Ich schüttelte nur den Kopf, sie klärte mich kurz darüber auf, dass mir dann evtl notwendige Medikamente nicht schnell genug verabreicht werden könnten und dass es für den Schutz des Babys sinnvoll wäre. Ich sagte ihr deutlich "Nein" und sie legte ihr Equipment beiseite. Aber ob sie denn wenigstens etwas Blut fürs Labor abnehmen dürfe, wollte sie wissen. Ich überlegte kurz auch das abzulehnen und notfalls auszudiskutieren, willigte dann aber ein, da ich schnell wieder meine Ruhe haben wollte.

Dann kam irgendwann jemand und wollte meine Krankenversicherungskarte, die ich in den Untiefen meiner Tasche ausfindig machen musste (Ach, wie schön wäre es gewesen, hätte mein Mann das alles übernehmen können...). Ich erkundigte mich bei der Hebamme nach Möglichkeiten der Schmerzlinderung, da ich durch das Untersuchen zum Liegen/Sitzen gekommen war und nicht gut mit den Schmerzen im Rücken während der Wehen zurechtkam. Allerdings hatte sie ohne Zugang nur ein Mittel zur Auswahl, welches sie mir aber nicht guten Gewissens geben könne, da ihr die Geburt zu rasch voran schreite. Dann hatte ich endlich die Möglichkeit jemanden zu bitten meinen Mann zu verständigen und drückte der Frau den Zettel mit der Nummer in die Hand.

Danach bat mich die Hebamme aufs Kreißbett, wo ich nur mit Hilfe hinkam, da die Wehen/Wellen fast pausenlos über meinen Körper hinwegfegten und ja auch das CTG-Gerät noch an mir dran hing. Während ich stand, verschwanden (mal wieder) die Herztöne des Babys und Hebamme und Ärztin wurden sichtlich nervös. Ich hingegen machte mir keinerlei Sorgen, da ich das Spiel von der Geburt meines mittleren bereits kannte und ich einfach spürte, dass es meinem Baby gut geht. Auf dem Kreißbett lag ich seitlich zur Tür und hatte die Augen meistens geschlossen. Ich grenzte mich so zu der Unruhe im Raum um mich herum ab. Die Ärztin hatte unterdessen schnell ein Mini-US-Gerät geholt und sie hörten damit an meinem Bauch die Herztöne des Babys ab, die wunderbar regelmäßig waren. Also alles in bester Ordnung.

Ich erinnere mich als nächstes, dass die Hebammen Schichtwechsel hatten und mir die neue Kollegin vorgestellt wurde, die nun übernehmen würde. Quasi gleichzeitig erreichte mein Mann endlich den Kreißsaal. Ich blieb einfach liegen, da eine Welle nach der anderen über mich rollte. Die neue Hebamme untersuchte und ich war bei 9 cm. Irgendwann spürte ich wie der Kopf meines Baby von innen an mein Becken "knallte", vermutlich war er in den Geburtskanal gerutscht und ich wusste, jetzt wird er gleich geboren. Auch die Hebamme stellte dann fest vollständig eröffnet und erklärte mir, dass ich in meiner aktueller Position (seitlich liegend mit den Beinen aufeinander, also quasi Emryonalstellung) mein Baby nicht bekommen könne. Sie schlug die Rückenlage vor (Sie können sich einfach auf den Rücken drehen). Doch da erwachte die Löwin in mir und ich dachte nur "NEIN!!!" Keinesfalls wollte ich (wieder) in Rückenlage gebären. Allerdings spürte ich schon den Kopf des Babys im Geburtskanal und hatte etwas Angst ihm Weh zu tun. Trotzdem hievte ich mich in den Vierflüßler und legte meine Arme oben auf die Kante des Kreißbettes und meinen Kopf darauf, Augen geschlossen. Ich war ganz bei mir und meinem Baby, ich hatte keine Angst, folgte einfach nur meinem Körpergefühl. Zwischendurch erinnerte mich die Hebamme freundlich, dass ich gut in den Bauch, zu meinem Baby atmen muss. Mein Mann stand direkt neben mir. Ich hörte sein freudiges Schluchzen und spürte seine Berührung auf meinem Arm. Leider lenkten mich diese Geräusche und Gesten ab, ich spürte wie es mich blockierte, dass mein Mann dabei war, weil ich unsinnigerweise das Gefühl hatte irgendwie auf ihn Rücksicht nehmen zu müssen. Rational betrachtet ist das nicht der Fall, mein Mann war schon vorher bei drei sehr unterschiedlichen Geburten dabei und wusste was auf ihn zukommt.

Es dauerte jedenfalls nur wenige Wehen und mir wurde verkündet: "Der Kopf ist gleich da" und dann "Der Kopf ist schon geboren." Noch ein paar mehr Wellen und auch der Körper meines Babys rutschte heraus und mein Baby lag zwischen meinen Beinen. Es war 14:05 Uhr am 01. Juli 2020 (ET). Mein Mann weinte vor Freude. Ich hingegen dachte nur "Es ist schon vorbei! Ich habe es geschafft!" Die Hebamme frug mich dann ob ich denn mein Baby nehmen wolle. Ich wäre gerne noch in meiner Position (Kopf auf den Armen, Augen zu) geblieben, war dann aber doch neugierig. Allerdings hatte ich erneut Angst meinem Baby weh zu tun, da ich mich umständlich umdrehen musste und da ja auch noch die Nabelschnur war. Das ich ihn mir einfach hätte zwischen den Beinen durch auf meine Brust holen können, ist mir damals nicht in den Sinn gekommen.

Mein erster Gedanke beim Blick auf meinen Sohn: "Der sieht ja aus wie Elisabeth als Baby!" (meine große Tochter von 2014)

Es war verwirrend, aber auch schön und ich spürte förmlich wie diese Erfahrung viele tiefe und vergrabene Wunden heilte, die durch den ungewollten Kaiserschnitt entstanden waren. Ich fühlte mich unendlich stark, da ich endlich eine Geburt erlebt hatte wie in den Erzählungen meiner Mutter und meiner Oma.

Meinen Sohn schaute ich total verliebt und fasziniert an und mein Mann und ich hießen ihn in unserer Familie willkommen. Hatte ich in der Schwangerschaft noch Angst dieses Kind nicht so lieben zu können wie die anderen, war dieser Gedanke nun absolut vergessen. 

Nun saß ich halbliegend und glückselig mit meinem Baby im Arm auf dem Kreißbett und die Ärztin schaute auf die Uhr, da bereits 10 Minuten vergangen waren und die Nachgeburt noch nicht geboren war. Jetzt würde sie mir Oxytocin geben, wenn ich einen Zugang hätte, sagte sie mir leicht vorwurfsvoll und ich war dankbar, dass ich keinen hatte und sie mir keine unnötigen Mittel in meinen Körper geben konnte. Ich legte meinen Sohn zum Trinken an, da das auch Oxytocin freisetzt und bei der Geburt der Plazenta hilft. Kurze Zeit später wurde die Plazenta ohne Probleme geboren.

Allerdings war ich wieder gerissen. Es brannte ordentlich in meiner Vagina und die Ärztin musste den Riss nähen. Das hat sie sehr behutsam und einfühlsam gemacht, da ich nach der vorangegangenen Geburt Angst davor hatte. Allerdings musste sie sich noch Unterstützung der Oberärztin holen, weil sie sich unsicher war, was genau wohin gehört... Ich bin mit dem Ergebnis jedenfalls zufrieden, sie scheint alles richtig zusammengefügt zu haben.

Wir durften dann in ein anderes Zimmer in der Geburtshilfe umziehen, wo wir unsere Ruhe hatten und weiter ausgiebig kuscheln konnten. Wir sagten Familie und Freunden Bescheid, dass unser drittes Kind geboren war. Unser Sohn wurde dann zusätzlich zur U1 von der Kinderärztin begutachtet, da ich nur für die Geburt in der Klinik war und so schnell wie möglich nach Hause wollte. Dafür musste ich spätestens vier Stunden nach der Geburt zeigen, dass ich unter Aufsicht alleine aufstehen und zur Toilette Wasser lassen kann. Und das konnte ich, etwas wackelig, aber alles im Rahmen. Ich brauchte dann noch die Rhesusprophylaxe, damit ich am nächsten Tag nicht nochmal wiederkommen musste. Allerdings musste ich der Ärztin unterschreiben, dass ich das Präparat haben will, obwohl das Blutergebnis meines Sohnes noch nicht da war.

Dann konnten wir um kurz nach 17 Uhr endlich die Klinik verlassen und wir waren gegen 18 Uhr zu Hause, wo unsere größeren Kinder uns freudig begrüßten. Meine Schwiegermutter war erstaunt, dass es so schnell ging und wir schon wieder da sind.

Wir genossen unsere erste Nacht zu fünft, alle gemeinsam im Familienbett. Und ich war glücklich, ich hatte auf mein Herz gehört, mehrere Tage ohne meinen Mann und meine anderen Kinder um mich konnte ich mir einfach nicht für mich vorstellen.

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Diese Geburt war einfach wundervoll. Ich weiß, dass ich mein Kind auch problemlos zu Hause hätte gebären können, das finde ich wunderbar. Trotzdem bereue ich es nicht mich für die Klinik entschieden zu haben. Würde ich nochmal schwanger werden, würde ich alles daran setzen eine Hausgeburtshebamme zu finden. Und ich würde vermutlich eine Doula engagieren.

Geburt 2013, Geburt 2014 und Geburt 2017

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