Geburt 2014

Ich hatte während der Schwangerschaft die Abschlussarbeit meines Studiums geschrieben und hoffte gut eine Woche vor dem errechneten Termin auf noch ein paar entspannte Tage meiner Schwangerschaft. Doch in der nächsten Nacht (auf Freitag) war ich sehr unruhig und ich wachte mit Bauchschmerzen auf. Dachte aber erst es wären Verdauungsschmerzen, hatte dann auch Durchfall. Mein Mann machte sich gerade für die Arbeit fertig und frug noch „Es wird doch wohl nicht schon los gehen?“ Ich verneinte, schickte ihn zur Arbeit und legte mich wieder hin.
Doch die Schmerzen blieben und kamen in immer regelmäßigeren Wellen. Irgendwann vermutete ich doch eher Wehen. Ich bin dann in die Badewanne. Da die Schmerzen blieben, konnte ich davon ausgehen, dass es echte Wehen waren. Ich schrieb mit anderen Schwangeren und Freundinnen und lief dabei durch das obere Stockwerk unseres Miethauses und stoppte immer mal wieder um eine Wehe zu veratmen. Ich hatte das Gefühl, dass es schon gut voran gegangen sein müsste, so schnell wie die Wehen kamen. Gegen 12 Uhr rief ich meinen Mann auf der Arbeit an um ihn nach Hause zu bitten. Er hatte jedoch Angst vor einem Fehlalarm, da er erst neu in dem Unternehmen angefangen hatte und musste deutlich von mir überzeugt werden. Ich packte danach die Kliniktasche fertig und entschied mich gegen eine Jeans, weil sie am Bauch weh tat und für eine bequeme Freizeithose. Nachdem mein Mann zu Hause war, war er dann auch überzeugt, dass die Geburt wirklich los gegangen war. Ich wollte gerne zügig ins Krankenhaus, da alle Frauen in meiner Familie schnelle Geburten hatten, auch aus Beckenendlage, in welcher mein Baby auch lag. Doch wir konnten die Taxizentrale nicht erreichen, da ein Brand in einem Stromverteilerkasten in der letzten Nacht diese unerreichbar gemacht hatte. Die privaten Taxiunternehmen waren restlos ausgebucht. Glücklicherweise (mein Gefühl damals) hat unser Nachbar uns in die Klinik gefahren.
Im Kreißsaal angekommen wurden meine Daten erfasst und ich nach den Wehenabstände gefragt. Die kamen da etwa alle 4-5 Minuten. Dann zuerst US, weiterhin reine Steißlage, also die Beine lang gestreckt nach oben, Füße an der Nasenspitze. Ich hatte mich bewusst für eine Klinik entschieden, die eine vaginale Geburt aus Beckenendlage unterstützte, in meiner Wunschklinik hätte ich direkt einen Kaiserschnitt machen lassen müssen, was ich nicht wollte.
Als nächstes wurde der Zugang gelegt, die Ärztin war sehr unsensibel, hatte kein Verständnis für meine Ängste und brauchte zwei Versuche. Danach mussten wir zur Anmeldung im Krankenhaus, Familienzimmer waren alle belegt. Im Kreißsaal wurde dann CTG geschrieben und danach bezog ich mein Bett im Drei-Bett-Zimmer der Wöchnerinnen-Station. Die anderen Frauen hatten ihre Babies schon bei sich.
Alle zwei Stunden sollte ich in den Kreißsaal zum CTG schreiben lassen, wozu ich auf dem Rücken liegen musste und zur Kontrolle des Muttermundes. Dazwischen musste ich mit meinem Mann auf der Wöchnerinnen-Station die Wehen veratmen. Laut meinem Bericht von 2014 ging es gut voran. Bei Ankunft war der Muttermund gerade mal verstrichen und weiche, danach öffnete er sich etwa 1 cm pro Stunde. Am Abend durften wir dann irgendwann im Kreißsaal bleiben. Ich bin mit meinem Mann viel durch die Krankenhausflure gelaufen, da mir die Bewegung gut tat. Aber mein Mann war fertig, er war hundemüde und bettelte quasi nicht mehr laufen zu müssen und sich hinlegen zu dürfen. Dafür bekam er extra im Kreißsaal ein Bett gerichtet. Die Hebamme sah nur ab und zu nach mir, ließ mich eigentlich die ganze Zeit alleine. Ich bin dann im dunklen Kreißsaal hin und her gelaufen und hab mich bei den Wehen am Kreißbett abgestützt, aber die Wehen taten so schrecklich im Rücken war, ich konnte sie kaum veratmen und es drückte so schrecklich auf meinen After. Gleichzeitig kam ich ins Denken und bekam plötzloch Panik, Panik vor der Geburt eines Kindes aus BEL, dass dann die Beine aus mir raus baumeln und auch Panik vor der Verantwortung für ein Kind für mindestens die nächsten 18 Jahre. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass da mein Körper total dicht machte und es ging nichts mehr voran, bei 7 cm blieb der Befund am Muttermund stehen. Trotz der fürchterlichen Wehen, tat sich null am Muttermund.
Um 4 Uhr nachts wollte ich dann doch eine PDA, da sie mir bei meiner kleinen Geburt so super geholfen hatte und ich jetzt auf das gleiche Ergebnis hoffte, eine zügige Geburt. Trotzdem musste mich die Hebamme fest halten und gut ablenken, da ich panische Angst hatte beim Legen der Betäubung. Wir konnten dann beide erstmal etwas schlafen. Gegen 7/8 Uhr holte mein Mann Frühstück von der Station. Meine Hebamme eröffnete nach vorheriger Erlaubnis die Fruchtblase, da der Mumu nur minimal von 7 cm auf 7-8 cm aufgegangen war. Zusätzlich wurde ein Wehenmittel angehangen.
Gerade als ich frühstücken wollte, wurde mir Buscopan über den Zugang gegeben. Auf dieses reagierten ich und mein Baby mit Herzrasen, mich hat es aus dem Sitzen aufs Bett sinken lassen, so heftig war das. Ich weiß heute, dass ich das Mittel nicht vertrage, was keiner ahnen konnte, da Buscopan sehr häufig eingesetzt wird und es nur sehr selten zu Komplikationen kommt. Die Hebamme hat das Mittel umgehend wieder abgehangen und meine Werte erholten sich innerhalb von etwa 30 Minuten. Doch die Werte meines Babies blieben hoch. Bald füllte sich der Kreißsaal und das Wort Kaiserschnitt wanderte durch den Raum.
Das, was ich auf keinen Fall wollte. Deshalb schaute ich meine Hebamme an und frug sie nach ihrer Meinung. Sie untersuchte nochmal, der Befund war unverändert und meinte die Geburt würde mindestens noch 6-7 Stunden dauern und das wäre zu lang für mein Baby bei diesen Herztönen. Sie riet mir also auch zur OP, weshalb ich zustimmte. Ich wurde über die Risiken aufgeklärt, unterschrieb einen Zettel und schon waren wir unterwegs zum OP. (Nicht der für Not-Kaiserschnitte, da es so eilig zum Glück nicht war) Ich musste dann vom Kreißbett auf den OP-Tisch wechseln, sitzliegend mit PDA und kaum bewegbaren Beinen… OP-Kleidung hatte ich schon seitdem die PDA gelegt wurde an. Der alte Zugang lief nicht mehr, weshalb ein neuer gelegt werden musste. Ich wurde dann in den OP geschoben, die PDA wurde aufgespritzt, damit ich nichts mehr spürte. Ein Tuch wurde aufgestellt, damit ich nichts mehr sehe. Die OP-Fläche wurde desinfiziert und eine Folie aufgebracht. Danach prüfte der Anästhesist ob die Betäubung wirklich und gut wirkte, was sie zum Glück tat. Dann kam auch mein Mann wieder zu mir, in OP-Kittel und mit Häubchen. Dann ging es auch schon los.
Es war eine komische Vorstellung bei vollem Bewusstsein aufgeschnitten zu werden, vor allem da ich mich als Biologin ein bisschen damit auskenne und mir vorstellen konnte, was die Ärzte gerade machen. Das Ruckeln und wackeln war jedenfalls total seltsam. Irgendwann hieß es der untere Teil sei schon geboren. Doch danach brauchten sie mehrere Versuche bis der Rest geboren war. Dabei sollte ich immer tief einatmen und pressen, was mir das Gefühl gab aktiv etwas beitragen zu können, aber laut einer befreundeten Hebamme wohl nur für das Gefühl der Gebärenden sei und in echt die Ärzte nicht ünterstützen würde.
Mein Baby wurde auf meinen Bauch geworfen und ich sah ihre kleine Hand durch das Tuch hindurch. Ich weiß nicht mehr ob sie geschrien hat. Dann hob der Arzt sie hoch und hielt sie kurz über das Tuch. Doch aufgrund des blendenden OP-Lichts und des tropfenden Blutes konnte ich quasi nichts sehen. Dann verschwand die Hebamme mit ihr im Nebenzimmer. Kurze Zeit später kam sie mit meinem Baby wieder, allerdings war sie fest in ein Handtuch gewickelt und nur das Gesicht mit den riesigen Augen schaute heraus. Ich war überwältigt, musste mich aber sehr anstrengen sie ansehen zu können, da ich mich kaum bewegen konnte.
Laut Hebamme musste sie mein Baby dann in den Kreißsaal bringen, weil es im OP zu kalt sei und wir mussten entscheiden was mein Mann macht. Einerseits hätte ich ihn gerne weiter bei mir gehabt, andererseits wollte ich unser Baby nicht alleine wissen, weshalb ich ihn mit schickte. Die Versorgung der Wunde hat noch etwa 20 Minuten gedauert in denen ich die ganze Zeit zitterte, vor Kälte, aber auch weil ich so gestresst war von der ganzen Situation. Der Anästhesist war anfangs noch sehr zugewandt gewesen, unterhielt sich aber jetzt, obwohl ich da alleine lag, mit seinen Kollegen. Mir wurde auch schwindelig und ich überlegte schon ob ich ihm das mitteilen sollte, als das Team verkündete, ich sei fertig verarztet.
Ich wurde dann mit einem Transportband und dieses Mal mit mehr Unterstützung vom OP-Tisch in ein Krankenhausbett befördert, leider eines ohne elektrisch einstellbares Kopfteil. Im Kreißsaal kuschelte mein Mann mit unserer Tochter, die von der Hebamme nach der U1 komplett angezogen worden war, inklusive Mützchen!!! Er legte mir unser Kind in den Arm. Irgendjemand forderte mich dann auch auf, sie zum Stillen anzulegen, was ich zögerlich tat. Mein Mann machte Fotos (ich sehe glücklich, aber auch total fertig aus). Ich war einfach gesagt total überfordert. Ich hatte ein Kind geboren ohne zu gebären (in meinem damaligen Gefühl), das Kind war angezogen, aber ich konnte das nicht ausdrücken. Ich dachte nicht, es ist falsch das mein Kind angezogen ist, es muss wieder ausgezogen werden, damit ich damit kuscheln kann. Ich war einfach so voller Adrenalin durch die OP, dass da kein Platz für Oxytocin, dass Hormon der Liebe war. Und ich war eher auf Autopilot, als wirklich fühlen zu können was ich eigentlich gebraucht hätte. Ich lag also im OP-Hemd in meinem Krankenbett (und fühlte mich jetzt auch wie eine Kranke) und hatte mein komplett angezogenes Kind im Arm und sollte jetzt eine Bindung zu diesem Kind aufbauen. Zu einem Kind, von dem ich bisher nur das Gesicht gesehen hatte.
Und noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde ich vom Kreißsaal auf mein 3-Bett-Zimmer verlegt! Ohne jede Privatsphäre! Ohne jede Unterstützung! Es war heiß und laut und die Klinik fast schon überfüllt.
Klar empfand ich auch Glück und schaute mein Baby veriebt an, aber es fühlte sich vieles falsch an, nur konnte ich es damals weder einordnen noch in Worte ausdrücken. Heute weiß ich, dass mir und meinem Baby das so wichtige BONDING verwehrt worden war, wir durften nicht nackig Haut auf Haut kuscheln direkt nach der Geburt. Wir durften uns nicht in Ruhe 1-2 Stunden alleine (als Familie) im Kreißsaal kennen lernen!

Die Geburtserfahrung schmerzt bis heute, wenn ich daran denke oder darüber schreibe.
Heute weiß ich, was ich hätte anders machen können für eine selbstbestimmte Geburt. Ich hätte länger zu Hause bleiben sollen, wer weiß wie die Geburt in meiner vertrauten Umgebung gelaufen wäre. Ich hätte meine Schmerzen meinem Mann und der Hebamme klar mitteilen sollen, vor allem den Druck auf den After, der mich so belastet hat. Vielleicht war das Kind falsch eingestellt für den Geburtskanal und hat deshalb bei jeder Wehe auf den After gedrückt. Eine Positionsveränderung hätte da sicher helfen können und da sind Hebammen die Spezialistinnen. Ich hätte meine Panik vor der bevorstehenden Geburt der Hebamme mitteilen sollen, sie hätte es auffangen können und mich wieder in meine Kraft bringen können. Generell hätte ich mehr meinem Körper vertrauen sollen und darauf hören, was er braucht um dieses Kind gebären zu können. Ob es am Ende ohne Kaiserschnitt geklappt hätte, kann trotzdem keiner mit Sicherheit sagen.
Nach der OP hätte mir tatsache nur eine Hebamme geholfen, die sich sehr aktiv fürs Bonding einsetzt und mir mein Baby im Kreißsaal nackig auf den Bauch gelegt hätte. Eigentlich wäre das idealerweise schon im Kreißsaal passiert, aber aus personellen Gründen ist das häufig nicht möglich, so wohl auch in meinem Fall. Denn „im OP ist es zu kalt für das Baby“, heißt eigentlich nur, dass die Hebamme wieder zum Kreißsaal muss, da zu wenig Kolleginnen da sind. Denn solange das Baby im OP ist, muss auch die Hebamme da bleiben, egal ob sie das Baby hat oder es bei der Mama auf dem Bauch liegt. Auch die sehr schnelle Verlegung auf die Wöchnerinnen-Station deutet darauf hin, dass viele Schwangere für die Geburt in der Klinik waren und der Kreißsaal schnell wieder gebraucht wurde. Trotzdem hätte es für uns andere Lösungen geben müssen.

Geburt 2013, Geburt 2017 und Geburt 2020.

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